Der Netzwerkperimeter und warum er nicht mehr hält


Das klassische Sicherheitsmodell eines Netzwerks ist schnell erklärt: Außen steht eine Firewall, innen wird vertraut. Wer die Grenze passiert hat, gilt als berechtigt. Das ist bequem, gut verstanden und über Jahrzehnte gewachsen – und es hat eine Voraussetzung, die immer seltener erfüllt ist. Es muss ein Innen geben.

Ein Fernzugriffs-VPN verschiebt diese Grenze nach außen. Wer sich vom Heimnetz aus einwählt, holt den Perimeter faktisch in ein fremdes Netzwerk – mit dem Drucker, dem Fernseher und allem anderen, was dort noch hängt. Split-Tunneling verschärft das, und zwar auch dann, wenn niemand es bewusst eingeschaltet hat: Eine unsauber konfigurierte Doppelbelegung von IPv4 und IPv6 reicht, damit ein Teil des Verkehrs am Tunnel vorbeiläuft. Cloud-Dienste lösen das Innen dann vollends auf.

Der Punkt, der mich beim Einarbeiten am meisten beschäftigt hat, ist ein anderer: Fast alle gängigen Präventionsmaßnahmen zielen auf Benutzerkonten – Mehrfaktor-Authentifizierung, Rechtebeschränkung, Passwortregeln. Die Perimeterinfrastruktur selbst, also Firewall und VPN-Gateway, wird dabei als Schutz gedacht und selten als Ziel. Genau dort häufen sich aber die schwerwiegenden Schwachstellen.

Zero Trust dreht die Ausgangsfrage um. Statt zu fragen, wo jemand steht, wird gefragt, ob dieser Zugriff jetzt, von diesem Gerät, für diese Ressource gerechtfertigt ist – und zwar bei jeder Anfrage neu. Drei Leitgedanken tragen das: Assume Breach, also die Annahme, dass jemand bereits drin ist; Least Privilege, also so wenig Rechte wie irgend möglich; und Earned Trust, also Vertrauen, das erarbeitet und nicht vorausgesetzt wird.

Der Satz, der mir davon am längsten hängen geblieben ist, klingt zunächst übertrieben: Bereits die Möglichkeit, einem System überhaupt ein Paket zu schicken, um sich dort anzumelden, ist ein Privileg. Das ergibt Sinn, sobald man sich ansieht, wie viele kritische Lücken den Anmeldemechanismus schlicht umgehen. Dann nützt die beste Authentifizierung nichts – erreichbar zu sein ist bereits das Problem.

Ehrlich bleiben muss man trotzdem: Zero Trust schützt vor allem Vertraulichkeit und Integrität, und das gelegentlich auf Kosten der Verfügbarkeit. Wer alles ständig prüft, baut zusätzliche Stellen ein, an denen etwas ausfallen kann. Ein Restrisiko bleibt bei jedem Konzept.

Leseempfehlungen

  • BSI: Positionspapier Zero Trust 2023 – kompakt, kostenlos, und die beste deutschsprachige Einstiegsquelle. bsi.bund.de
  • Jason Garbis, Jerry W. Chapman: Zero Trust Sicherheit. Ein Leitfaden für Unternehmen, Apress 2024 – das Lehrbuch, wenn es über den Überblick hinausgehen soll. doi.org/10.1007/979-8-8688-0105-1. Das englische Original Zero Trust Security. An Enterprise Guide von 2021 liegt unter doi.org/10.1007/978-1-4842-6702-8.
  • Martin Kappes: Netzwerk- und Datensicherheit. Eine praktische Einführung, Springer Vieweg, 3. Auflage – für die Grundlagen zu VPN und Tunneling. doi.org/10.1007/978-3-658-16127-9
  • BSI: IT-Grundschutz-Kompendium, Bausteine NET.1.1 und NET.3.2 – trocken, aber als Blaupause für Netzarchitektur erstaunlich brauchbar. bsi.bund.de

Dieser Text geht auf eine Seminararbeit zurück, die ich im Studium zum Thema Netzwerkperimeter und Zero Trust geschrieben habe. Was hier steht, ist meine Einordnung aus Lektüre und Beschäftigung mit dem Thema – keine eigene Forschung und kein Anspruch auf Vollständigkeit.